
Simone Felgenheier, Krankenschwester mit einer Weiterbildung zur Pain Nurse bittet einen Patienten mit Hilfe der Schmerzskala die Stärke seiner Schmerzen zu beschreiben.
Neuwied. Studien belegen, dass sich Patienten, die nach einer Operation oder Verletzung wenig oder keine Schmerzen haben, wesentlich schneller erholen als Patienten, die unter starken Schmerzen leiden. „Zudem besteht die Gefahr, dass der Schmerz chronisch wird“, weiß Dr. Jürgen Schäfer, der Oberarzt der Anästhesie des Marienhaus Klinikums St. Elisabeth Neuwied. „Deshalb soll in unserem Krankenhaus kein Patient unnötig Schmerzen ertragen müssen“, ergänzt Dr. Michael Fresenius, der Chefarzt der Anästhesiologie und Intensivmedizin. Mitte Dezember hat das Marienhaus Klinikum nach einer Projektzeit von nur 13 Monaten das Zertifikat „Initiative Schmerzfreie Klinik – akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerz“ durch den TÜV Rheinland erhalten. Eine Projektgruppe, der Ärzte und Pflegekräfte aber auch Physiotherapeuten und Psychologen angehören, hat im vergangenen Jahr Standards und Vorgehensweisen erarbeitet, die sicherstellen, dass jeder Patient schmerzmedizinisch optimal betreut wird. Zudem wurden alle mit der Schmerzbehandlung befassten Berufsgruppen intensiv geschult.
Den Pflegekräften kommt beim Schmerzmanagement eine wichtige Rolle zu. Sind sie doch im Klinikalltag häufig die ersten Ansprechpartner, wenn Patienten über Schmerzen klagen. „Jetzt erhalten die Pflegekräfte im Rahmen der Schmerztherapie besondere Kompetenzen“, so Dr. Schäfer, der die Projektgruppe leitet. In den Kliniken Bendorf und Neuwied messen sie bei jedem Patienten regelmäßig die Schmerzintensität. Dazu nutzen sie eine Skala mit einer Einteilung von null bis zehn. „Null bedeutet kein Schmerz, zehn ist der größte vorstellbare Schmerz. Dazwischen soll der Patient seinen subjektiv empfundenen Schmerz einordnen“, erläutert Dr. Schäfer. Auf jeder Station gibt es eine Pflegekraft, die die Schulung zum Schmerzmentor absolviert hat. Sie leitet die Kollegen beim Schmerzmanagement an, steht für Fragen zur Verfügung und gibt der Projektgruppe Rückmeldung, wie sich das Konzept Schmerztherapie im Alltag auf der Station bewährt.
Grundlage der Akutschmerztherapie sind die fachspezifischen Schmerztherapiekarten, auf denen die Behandlung der Schmerzen für jeden operativen Eingriff eindeutig festgelegt ist. Am Ende einer Operation ordnen die beteiligten Ärzte das Therapieschema an, das die Pflegenden im Aufwachraum und auf der Station anwenden. Anhand der Schmerztherapiekarten können die Pflegekräfte sehen, welche Schmerzmittel in welcher Dosierung der Patient zunächst erhalten soll. Wird mit dieser Basisbehandlung beim jeweiligen Patienten keine akzeptable Schmerzlinderung erreicht, führt die zuständige Pflegekraft eine bereits festgelegte Therapiesteigerung durch. „Diese eindeutig definierten Behandlungsschritte geben den Pflegenden Handlungs- und Therapiesicherheit“, so Dr. Schäfer. Zudem können die Pflegekräfte die Patienten zeitnah mit Schmerzmitteln versorgen, da sie im Rahmen festgelegter Grenzen selbständig therapieren dürfen. Das bedeutet, dass operationsbedingte Schmerzen vorbeugend und effektiv behandelt werden.
Ein Arzt wird erst dann hinzugezogen, wenn der Schmerz trotz Therapie weiter zunimmt. Er untersucht den Patienten und entscheidet dann über eine weitere Schmerzmittelgabe. Häufig ist eine starke Zunahme der Schmerzen ein Hinweis darauf, dass sich eine Komplikation wie zum Beispiel eine Entzündung der Operationsnarbe entwickelt, die dringend behandlungsbedürftig ist.
Besondere Messinstrumente wenden die Pflegekräfte bei Kindern, dementiell erkrankten Patienten und sedierten Intensivpatienten an. „Gerade diese Patienten, die sich nicht klar äußern können, wurden laut Studien oft nicht ausreichend mit Schmerzmitteln versorgt“, so Dr. Schäfer. Deshalb wird bei ihnen besonders auf die Körperhaltung, die Mimik und auch auf das Verhalten geachtet, an dem man ablesen kann, ob sie unter Schmerzen leiden.
Das Projekt Akutschmerztherapie habe im ganzen Haus Spuren hinterlassen, freut sich die Krankenhausoberin Therese Schneider. Der veränderte Umgang mit Schmerzen sei auf jeder Station und bei jeder Berufsgruppe im Haus wahrzunehmen. Es sei deutlich zu spüren, dass sich alle dafür einsetzten, die Schmerzen der Patienten auf ein erträgliches Maß zu reduzieren oder sogar zu beseitigen.