

Worum sich das mehr 30-köpfige Team der Frauenklinik des Hetzelstifts zwei Jahre lang vergeblich bemühte, und was nur an der nötigen Stillquote von 80 Prozent scheiterte, ist jetzt auf dem Weg zu gelingen: Die Klinik will das Zertifikat von Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Kinderhilfswerk Unicef „Babyfreundliches Krankenhaus" erhalten. Marika Schiller sprach darüber mit Pia Lehmann (53), Abteilungsleiterin in der Frauenklinik.
Arbeitslosenquote, Kapitalquote, Frauenquote - Frau Lehmann, Sie scheiterten lange an der Stillquote. Erst seit Kurzem gehen mehr als 80 Prozent der Mütter stillend nach Hause. Warum war das so schwer?
Es liegt wohl daran, dass das Wissen um die Bedeutung des Stillens in unserer Gesellschaft nicht verankert ist. Ja, es fehlt sogar.
In einigen skandinavischen Ländern stillen bis zu 70 Prozent der Mütter ihre Kinder bis zum sechsten Lebensmonat, hierzulande sind es nur zwölf Prozent. Klingt, als wären Sie von Ihrer Traumquote Lichtjahre entfernt.
Es ist tatsächlich so, dass in Skandinavien ein anderes Bewusstsein für das Stillen existiert. Auch die Nachbetreuung nach der Entbindung ist dort intensiver. Doch habe ich den Eindruck, dass auch hierzulande die Akzeptanz steigt. Gerade dort, wo sich Kliniken bemühen, Netzwerke aufzubauen - aus Hebammen und Stillgruppen.
Stillen ist zeitintensiv und passt nicht gerade zur berufstätigen Allround-Mutter von heute. Wie soll sich da eine echte Stillkultur etablieren?
Dabei sind Stillen und Arbeiten sehr gut vereinbar. Was die meisten Frauen leider nicht wissen: Paragraf 7 des Mutterschutzgesetzes besagt, dass einer voll arbeitenden Mutter eine Stunde ihrer regulären Arbeitszeit zum Stillen eingeräumt werden muss und ihr zum Milchabpumpen oder zum Anlegen des Kindes ein separater Raum zur Verfügung stehen sollte.
Wer ist denn schuld an der Stillmüdigkeit der Deutschen? Die Feministinnen etwa, für die es Ehrensache war, ihr Kind mit der Flasche zu füttern?
Von Schuld möchte ich nicht sprechen. Doch für die Nachkriegsgeneration galt es als Errungenschaft, sich künstliche Babynahrung leisten zu können. Natürlich fühlten sich die Frauen damit unabhängiger, frei. Unterstützt wurde dieses Streben von den Herstellern von Säuglingsnahrungsmitteln, die plakativ mit glücklichen Müttern warben, die ihrem Kind die Flasche gaben. In den Achtzigern mehrten sich schließlich in den Medien die Meldungen von Schadstoffen in der Muttermilch.
Die 1994 eingesetzte Nationale Stillkommission dürfte Ihnen helfen ...
Nun, sie unterstützt unsere Arbeit insofern, dass sie natürlich generell das Stillen in Deutschland fördert und deshalb auch Initiativen wie „Babyfreundliches Krankenhaus". Aber sie gibt auch Studien in Auftrag. Etwa zur Schadstoffbelastung der Muttermilch, die in den vergangenen Jahren übrigens stark zurückgegangen ist. Nachrichten wie diese helfen uns in der Argumentation.
Warum ist das Stillen so wichtig?
Die körperliche Nähe beim Stillen, der direkte Hautkontakt, fördern die Bindung zwischen Mutter und Kind. Wer zieht sich schon aus, wenn er die Flasche gibt? Außerdem wirkt Muttermilch in den ersten Lebenstagen des Kindes wie eine Impfung, liefert wichtige Immunstoffe. Gestillte Kinder sind deshalb seltener krank, leiden in der Folge weniger häufig an Übergewicht, Diabetes und an Allergien. Für die Mutter selbst ist es auch von Vorteil: Es hilft, das Brustkrebsrisiko zu verringern oder übrige Pfunde aus der Schwangerschaft loszuwerden. Nicht zuletzt ist das Stillen praktisch und wesentlich kostengünstiger als Flaschennahrung.
Nur eine stillende Mutter ist eine gute Mutter?
Um Gottes Willen! Auch wenn es nur wenige Mütter gibt, die aus medizinischen Gründen wirklich nicht stillen können. Für mich gelten klar die drei „Z": Zuwendung, Zeit und Zärtlichkeit. Sie sind der Schlüssel zu einer guten Mutter-Kind-Bindung.
Es sieht ganz danach aus, als ergatterten Sie mit dem Hetzelstift Ende des Jahres nun doch die begehrte Plakette von WHO und Unicef. Fortan gilt es also, die Quote zu halten?
Ja, denn wir müssen unsere Qualifikation alle drei Jahre nachweisen. Für uns geht es vor allem darum, die zweifelnden Frauen zum Stillen zu bewegen. Unsere Kurse räumen mit Vorurteilen auf. Etwa der Oma-Kurs, den die Mütter der werdenden Mütter besuchen, Frauen, die nicht gestillt haben - die aber ihre Töchter nun dabei begleiten wollen. (ikx)
Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Mittelhaardter Rundschau
Ausgabe: Nr.152
Datum: Montag, den 05. Juli 2010
Seite: Nr.22
"Deep-Link"-Referenznummer: '6472408'
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