Das Handy ist immer eingeschaltet

Es gibt zwei Wege, mit der psychischen Erkrankung eines Angehörigen umzugehen: den offensiven und den zurückhaltenden. In der Neustadter Selbsthilfegruppe am Hetzelstift finden Menschen beider Verarbeitungsstrategien Trost und Hilfe.Etwas mehr als ein Dutzend Betroffener kommt zu den festen Terminen einmal im Monat.


Von Maritta Fischer


Willi ist Pragmatiker. „Jammern nützt nichts. Es ist, wie es ist." Seine Tochter ist seit 30 Jahren in Behandlung, mit Höhen und Tiefen und unzähligen Diagnosen von „paranoider Schizophrenie" über „rezidive Depression" bis „Borderline". Inzwischen kann sie in einer eigenen Wohnung leben, auch deshalb, weil der Vater zumindest per Handy immer ansprechbar ist. Hat er deshalb mehr Kummer als andere Eltern? Nein, betont Willi energisch. Er sei an dieser Aufgabe eher gereift. „Ich komme hier in diese Gruppe, um meine Lebenssituation zu verbessern. Bei mir nagt da nichts.'


Gerlinde geht anders mit der Erkrankung ihrer Tochter um. Die hatte im Alter von 17 Jahren „aus heiterem Himmel versucht, sich umzubringen". Ein Jahr bleibt das Mädchen anschließend in der Pfalzklinik - viel Zeit für die Eltern, um einiges zu hinterfragen. Gibt es Selbstvorwürfe? Schuldgefühle? Gerlinde schluckt, hält sich an den eigenen Händen fest, das Blut steigt ihr in die Wangen. „Man überlegt schon, was in der Erziehung falsch gelaufen ist oder ob man die falschen Gene weitergegeben hat."


Beide werden sie in ihren Gefühlen von der Selbsthilfegruppe aufgefangen . Und mit ihnen rund ein Dutzend anderer Betroffener. Jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise, aber dennoch bleibt ein gemeinsamer roter Faden: „Den Unterschied zwischen Eigenwilligkeit und Krankheit zu erkennen, ist schwer. Die Eltern sind immer enorm seelisch und finanziell belastet", weiß Regina Vogel. Sie leitet die Neustadter Gruppe seit sechs Jahren. In einer Gesellschaft, in der Funktionieren und Leistungsfähigkeit zählen, werden Schwächen tabuisiert. Mit einer psychischen Erkrankung innerhalb der Familie kann kaum irgendwo gepunktet werde. „Bei der Arbeitsstelle weiß keiner Bescheid", ist ein Satz, der häufig fällt.


Der Austausch hilft, das gegenseitige Verständnis. Ärzte wechseln, Behandlungsmethoden wechseln, Medikamente wechseln. Die Gruppe bleibt und trägt, bietet nachhaltige umfassende Begleitung über Jahre. „Viele Eltern werden mit der Zeit kompetenter als manche Mediziner."


Während Gerlinde das Schicksal der Tochter schildert, von quälenden Sorgen erzählt, wenn das Kind wochenlang spurlos verschwunden bleibt, streichelt ihr Vogel den Arm. Willi bietet theoretische Lösungsansätze: „Wer bin ich und auf welchen Pfeilern ruht mein Sein?", sei die entscheidende Frage. Dieses „Sein", meint er, bestehe zu je einem Drittel aus Erbmasse, Prägung und Eigeninitiative. An den Genen könne man nichts ändern, die Erziehung sei meist nach bestem Wissen und Gewissen gelaufen, und am letzten Drittel könne man bei erwachsenen Kindern auch nichts mehr beeinflussen. „Psychisch krank kann jeder werden", weiß Willi nach 30 Jahren Umgang mit Krankheit und Betroffenen. Es sei blauäugig, abfällig von „den anderen" zu sprechen. Ob Unfall, Schlaganfall, Depression oder Demenz: „Man kann alles Mögliche kriegen und ist dann nicht mehr richtig im Stübchen."

Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Mittelhaardter Rundschau
Ausgabe: Nr.136
Datum: Mittwoch, den 16. Juni 2010
Seite: Nr.19
"Deep-Link"-Referenznummer: '6050709'
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