Zwei Äpfel, aber keine zwei Viertel Wein

Meinung am Montag: Chefarzt Stefan Grüne zum Darmkrebs-Risiko und Vorsorgemöglichkeiten - Am Mittwoch Telefonaktion

Der März ist von der Deutschen Krebshilfe und der Felix-Burda-Stiftung als bundesweiter Darmkrebsmonat ausgerufen. Er soll das Augenmerk auf ein Thema richten, das viele Menschen nach wie vor unangenehm berührt. Doch falsche Scham kann lebensgefährlich sein. Niedergelassene Neustadter Ärzte und das Krankenhaus Hetzelstift wollen aufklären. Sie bieten eine Telefonaktion zum Thema an. DIE RHEINPFALZ sprach mit Organisator Stefan Grüne.

Herr Grüne, ein Darmkrebsmonat hört sich nach viel Aufwand an. Wird dieser Aufwand durch das Ergebnis gerechtfertigt?

Ja, wir wollen bei dieser bundesweiten Aktion klar machen, dass die Darmuntersuchung per Koloskopie, also mittels eines Endoskops, das einzige Verfahren ist, Krebs zu verhindern. Das schafft kein anderes Verfahren. Bei allen anderen Krebsarten geht es darum, sie möglichst früh zu erkennen. Beim Darm kann man die Vorstufen erkennen und wegschneiden und dadurch Krebs wirklich verhindern.

Sie sprechen bei den Vorstufen die Darmpolypen an...

Ja. Polypen sind Wucherungen, die zwar auch in anderen Geweben, beispielsweise im Magen oder in der Gallenblase, vorkommen, aber dort früher auffallen, weil sie früher Probleme machen. Im Darm können Polypen dagegen lange wachsen, bevor man sie überhaupt bemerkt.

Ab welchem Alter treten Polypen auf?

Es gibt keine Altersbeschränkung, aber das Risiko steigt mit dem Alter. Bei den Unter-40-Jährigen haben zwei von zehntausend Menschen Polypen. Ab dem 55. Lebensjahr gibt es schon etwa 80 Fälle auf 10.000 Einwohner, bei den 70-Jährigen sind es schon mehr als 800. Aber immer vorausgesetzt, es liegt kein zusätzliches Risiko wie eine familiäre Belastung vor, dann ist die Inzidenz für Polypen deutlich höher.

Wie lange dauert es denn, bis ein Polyp entartet?

Das kann zehn bis 15 Jahre dauern, bis aus einem harmlosen Polypen Darmkrebs entsteht. Es gibt unterschiedliche Formen von Polypen: Die einen werden alle bösartig, von den anderen nur jeder 100. Entfernt werden aber alle, die man bei einer Untersuchung findet, denn die genaue Bestimmung muss ein Pathologe vornehmen.

Wie viele Neuerkrankungen gibt es statistisch gesehen bei 54.000 Neustadtern in einem Jahr?Und wie viele Menschen sterben an Darmkrebs?

Deutschlandweit gibt es jedes Jahr etwa 70.000 Neuerkrankungen, und etwa 32.000 Menschen sterben jedes Jahr an Darmkrebs. In Neustadt wären das dann etwa 40 Menschen, die jedes Jahr neu an Darmkrebs erkranken und etwa 18 Menschen, die jedes Jahr daran in Neustadt versterben.

Welche Möglichkeiten der Vorsorge gibt es?

Erstens muss man verhindern, dass etwas auftritt. Dazu gehört eine halbe Stunde Sport pro Tag. Die Ernährung muss ballaststoffreich sein, also mindestens 35 Gramm Trockensubstanz pro Tag enthalten. Das entspricht zwei Äpfeln. Auch wenn man sich in der Pfalz damit nicht beliebt macht: Man sollte auch nicht mehr als 100 Gramm Fleisch pro Tag zu sich nehmen, und mehr als 45 Gramm Alkohol - zwei Halbe Bier oder knapp zwei Viertel Wein - sind ebenfalls ein Risiko.

Zweitens: Ein Test auf verstecktes Blut im Stuhl senkt das Krebsrisiko um 20 Prozent. Ähnlich erfolgreich sind neue Tests, die auf Proteinbestandteile eines Tumors reagieren, aber die finden keine Polypen, sondern nur einen Tumor. Und dann gibt es natürlich die Koloskopie, die Darmspiegelung. Damit kann man das Krebsrisiko um etwa 90 Prozent senken. Außerdem kann man eine Computertomografie machen oder Patienten eine Mini-Kamera schlucken lassen, aber die besten Ergebnisse bringt die Darmspiegelung.

Was kostet eine Koloskopie?

150 bis 200 Euro, einschließlich der Beseitigung von Polypen. Ab 55 Jahren übernimmt die Krankenkasse die Kosten einer Routineuntersuchung; bei Jüngeren zahlt sie natürlich auch, wenn es einen Anlass für die Untersuchung gibt.

Wie unangenehm ist das heute noch?

Mit den heutigen Medikamenten merkt der Patient gar nichts und ist hinterher trotzdem ganz schnell wieder wach und völlig schmerz- und beschwerdefrei.

Aber vorher muss man ganz viel trinken, um den Darm zu spülen, oder?

Das sind heute auch nur noch zwei bis drei Liter an zwei Tagen. Das ist längst nicht mehr so unangenehm wie früher.

Bei welchen Warnsignalen sollte man zur Untersuchung gehen?

Immer bei Blut im Stuhl. Verstopfung ist ebenfalls ein Warnsignal, auch wenn es dafür viele andere Ursachen geben kann. Aber auch Blähungen oder Durchfall können Symptome sein. (boe)

TeLEFONAKTION

Neustadter Mediziner, Hetzelstift und RHEINPFALZ bieten eine Telefonaktion zum Thema Darmkrebs an. Sie findet statt am Mittwoch, 10. März, 17 bis 19 Uhr.

An den Telefonen sitzen Chefarzt Wilhelm Bauer (Telefon 06321/8592001)

Chefarzt Stefan Grüne (Telefon 8594005

Hans Peter Klein (Telefon 8594910)

Heike von Deyn (Telefon 8594930)

Frank Pasberg (Telefon 8594006)

Werner Seiberth (Telefon 8594900)

 

 

Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Mittelhaardter Rundschau
Ausgabe: Nr.56
Datum: Montag, den 08. März 2010
Seite: Nr.27
"Deep-Link"-Referenznummer: '6125181'
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